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Die Busfahrt

Über Sinnsuche, Freiheit und die leise Frage, ob wir wirklich wissen, wohin wir unterwegs sind.

Durch einen Zufall saß ich in einem ganz gewöhnlichen Linienbus, genau in dem, mit dem meine Kinder jeden Tag zur Schule fahren. Ich hatte Zeit, aus dem Fenster zu schauen, die Haltestellen vorbeiziehen zu sehen und den Menschen beim Ein- und Aussteigen zuzusehen. Und irgendwo zwischen zwei Stationen kam mir ein Gedanke, der sich nicht mehr abschütteln ließ.

Ist das Leben im Grunde ähnlich einer Busfahrt?

Menschen steigen ein, Menschen steigen aus. Manche begleiten uns nur für ein paar Stationen, andere bleiben länger. Einige setzen sich still neben uns, andere drängen sich an uns vorbei. Und während all das geschieht, fährt der Bus unaufhaltsam weiter. Aber wer weiß eigentlich wirklich, wohin diese Fahrt führt?

Ich sah mich um und fragte mich, wer von den Mitreisenden das Gefühl hat, auf dem richtigen Weg zu sein. Wer nicht nur unterwegs ist, sondern Richtung spürt. Wer morgens aufsteht mit dem leisen, aber festen Wissen: Ja, das hier ergibt Sinn für mich.

In mir wuchs der Eindruck, dass viele ihren Sinn verloren haben. Nicht, weil ihnen Möglichkeiten fehlen sondern weil sie in ihnen ertrinken. Wir leben in einer Zeit, in der fast alles offensteht. Wir können unseren Beruf wechseln, unsere Stadt, unsere Beziehungen, unsere Identität. Freiheit in Reinform. Und doch scheint genau diese Freiheit viele orientierungslos zu machen.

Ich habe oft das Gefühl, dass wir auf einem offenen Meer aus Möglichkeiten treiben. Ohne Kompass. Ohne zu wissen, wie man segelt. Ohne einen klaren Hafen vor Augen. Wir bewegen uns ständig, rastlos, geschäftig und verwechseln Bewegung mit Richtung.

Vielleicht liegt die eigentliche Tragik unserer Zeit nicht im Mangel an Chancen, sondern im Mangel an inneren Maßstäben. Früher war vieles vorgezeichnet. Heute müssen wir unseren eigenen Sinn definieren, wählen, finden. Das ist wie wir so schön sagen können, Fluch und Segen zugleich.

Auch ich nehme mich davon nicht aus. Auch ich frage mich, ob ich im richtigen Bus sitze. Ob ich zur richtigen Zeit an der richtigen Haltestelle einsteige. Ob ich den Mut hätte auszusteigen, wenn ich spüre, dass diese Strecke nicht mehr meine ist.

Während der Bus weiterfuhr, stieg jemand aus. Jemand Neues stieg ein. Das Leben ging seinen stillen, unspektakulären Gang. Und mir wurde klar: Vielleicht besteht Sinn nicht darin, das perfekte Ziel zu kennen. Vielleicht besteht er darin, aufmerksam zu sein und zu bleiben. Ehrlich zu sich selbst. Und bereit, den eigenen Kurs zu korrigieren, wenn er sich falsch anfühlt.

Den unbequemen und schwierigeren Weg zu wählen…

Vielleicht ist das Leben keine perfekt geplante Reise. Vielleicht ist es eine Busfahrt, bei der wir lernen müssen, nicht nur mitzufahren sondern bewusst zu sitzen, bewusst zu schauen und im richtigen Moment bewusst aufzustehen und zu gehen, oder zu bleiben.